Chet Baker

Wie ein erlegtes Chameleon liegt er mit dem Arm den Kopf bedeckend auf dem Bett. Es ist das neue Jahr, es schlich sich ein wie die alten, die zuvor: Mit Übelkeit und Kopfweh und einer leeren, kalten Welt außerhalb der Fenster. Es ist aber schon der 2.1.2016 – der Abend des ersten gelebten Tages. Die Versuche sich der Normativität anzugleichen sind gescheitert. Obwohl er emotional nicht fern war, für kurze Zeit vielleicht sogar verliebt, hat es nicht funktioniert. Das schlendern durch die Geschäfte, das ewige schwanken zwischen Erwartungen, Beleidigtsein, zwischen Fragen nach Gemütszuständen und Zukunft. Beim Koreaner, zwischen Kimchi und Eintopf sitzt er herum und fühlt sich unwohl, sieht in kleine, blaue Augen, die sich mädchenhaft zieren und hat keine Nerven dafür. Nippt nur an der Apfelschorle und leckt die Chilipaste vom Löffel. Es gibt keine Zukunft, keine gemeinsame – es tut mir leid. Und du möchtest wirklich nicht mit mir in die Kirche gehen, sondern sogar in die andere Richtung? Nie mehr wieder willst du mich vielleicht sehen? Ist in Ordnung, aber angetan habe ich dir doch nichts? Es fällt mir nicht leicht, aber ich gehe jetzt in den Klassikschallplattenladen und kaufe mir Chet Baker. Denn ich bin und bleibe was ich bin: Eine geltungs- und kaufsüchtige Tunte. Er begibt sich also in den Klassikschallplattenladen und kauft Chet Baker Sings mit einer zarten, knabenhaften Gestalt in bunten Pastellen auf dem Umschlag. Sie kratzt und rauscht, hat Haare auf sich und halbzerstört liegt sie bei dem alten Mann im Laden, der ihn zu Wein und Handschlag einlädt. Er gibt sie nicht gerne her, obwohl sie so kaputt ist, das soll er dann wissen, deswegen ist sie auch nicht so bedingungslos bezahlbar. Man nimmt es auf sich und begibt sich in die Wohnung und weil es so kalt ist, stellt man die Heizung an. Er geht zum Braun PS500 und lässt die Nadel ab und es wird mollig warm und er nimmt besagte Chameleonstellung ein. Was zu tun ist, bei -10 Grad und einem leeren Wohnzimmer, das weiß er noch nicht. Die Küche ist voller Abfall und Erinnerungen an einen Jahreswechsel. Die Lebensrettung ist oft eine weitere beliebige männliche Gestalt mit der Eigenschaft Einsamkeit als vorherrschendes Merkmal. Er kontaktiert die Lebensrettung, sie kommt und er ist nicht mehr alleine.

Veröffentlicht unter Blog nachFlamingo