Tütchen

Es sind die kleinen Dinge im Alltag, die mir regelmäßig tausende kleinste Äderchen im Hirnschädel platzen lassen – die mich so aufregen, dass mir schlecht wird: Vor Kurzem hat DM die Plastiktütchen abgeschafft. Nun ist das bei diesem Antroposophie-nahen Geschwurbel-Konzern nicht weiter verwunderlich, aber jetzt hat auch Rossmann nachgezogen: Der Umwelt zu Liebe und alles nur für das Gesamtwohl der Kundschaft, wird sich an der Kasse entschuldigt. Damit nicht genug. Diese Woche läuft das Fass über. Ich gehe zu Edeka Reichelt und an der Kasse gibt es ab jetzt nur noch die großen Plastiksäcke zu 25 Cent und Papiertüten zu 15 Cent. Die kleinen Plastiktüten zu 10 Cent: ausgemerzt. Jetzt frage mich mich, wieso ich als Kundschaft dermaßen sinnlos bevormundet werden muss. Was mache ich nun, wenn ich spontan, auf dem Nachhauseweg eine Fa-Seife, ein Dove-Deo und eine Dose Glysolid-Hautcreme kaufen möchte? Bisher konnte ich mir ein kleines Tütchen abreißen und das Zeug schön, westlichem Standart gemäß, heimtragen. Jetzt also, muss ich es mir irgendwie versuchen in meine Griffel zu quetschen, oder einen zeltgroßen Sack kaufen, für den ich einen Kredit aufnehmen muss. Aber was maße ich mir an? Hätte ich doch brav meinen Jutebeutel dabeihaben können. Ein graues Stück Stoff, auf das am Besten noch ein mich im Begriffe zu küssen seiender Frosch gedruckt ist. Diesen Baumwollabfall sollte ich mir am Besten noch den ganzen Tag über in meine Jackentaschen gestopft haben, insofern ich etwas einkaufen möchte. Ansonsten: Strafe! Zahlen! Dass ich beim nächsten Mal das Drecksding wieder nicht dabei habe und nun 20, statt 3 Gramm Plastik in den Umweltkreislauf schleudere, scheint egal zu sein. Der gute Wille zählt ja und wahrscheinlich lerne ich es irgendwann und habe dann doch immer brav gefaltet in meiner Arschtasche einen Mini-Jutebeutel dabei, extra für diese Kleineinkäufe entwickelt, für 1€ an der Kasse angeboten. Ein bisschen erinnert mich das an die DDR-Berichte meines Vaters. Bei Besuch einer Betriebskantine in Karl-Marx-Stadt bekam dieser nämlich zuerst nichts und dann nur unter meckerndem Erbarmen etwas zu Essen, da er sein eigenes Besteck nicht von zuhause mitgebracht hatte. Dass aber in Bitterfeld-Wolfen gleichzeitig Quadratbillarden Tonnen Chemieabfall verschleudert wurden – genauso egal. Und tatsächlich geht es langsam wieder in diese Richtung, denn in der Mensa der FU Berlin, wird der Pappbecher nun mit 20 Cent Aufpreis für den Kaffee sanktioniert. Man solle doch bitte einen KeepCup mitführen. Freiheit heißt aber auch, wirklich Frei entscheiden zu dürfen. Ohne indirekte Bevormundung, ohne Sanktionierung und vor allem ohne Angebotsbeschneidung. Letztendlich verdienen eh nur wieder die Berechnenden an diesem ganzen Irrsinn. Alles ist schlecht, alles macht Krebs und sowieso kann man niemandem trauen und darum kaufe ich nun ein Deo ohne Aluminiumsalze, das schweineteuer ist, weil ich von dem billigen nuneinmal ohne diesen Wirkstoff stinke wie die Sau, ich aber keinen Armtumor bekommen will und ich kaufe eine Zahnpasta aus der Apotheke, weil mir Triclosan alles im Körper vernichtet und ich aber ohne, mit der Colgate Total nun aus dem Maul stinke wie ein Esel und bald muss ich mir umso mehr Zigaretten kaufen, weil ich von den bösen Mentholis zum Tode verführt werde, mir aber der Kick bei den normalen fehlt und ich somit noch mehr rauchen muss. Was mich dann in ein paar Jahrzehnten (oder auch schon früher) schlussendlich niedergestreckt hat, werde ich wohl nie erfahren. Vielleicht die schlimmen Zusatzstoffe, denen ich bereits als Kind jahrzehntelang ausgesetzt war, oder der zusätzliche Stress, der mir zugesetzt hat, weil ich vor jedem Produkt Angst habe, weil mir die Umwelt so schrecklich viele Sorgen macht und ich deswegen noch mehr arbeiten muss, um meine Ökobioscheißdrecks-Mehrkosten zu begleichen, oder das ständige Durchplanen meines Lebens, weil ich jetzt immer alles Wiederverwertbare, von KeepCup, über Tupperware aus Glas und Jutebeutel dabeihaben muss und ohne nicht mehr kann oder dann teuer kaufen muss und noch mehr die Umwelt verschmutze und mir letztendlich dann noch mehr Äderchen im Hirnschädel platzen und ich eben verende.
Aus verzweifeltem Protest sitze ich nun mit einem Schleifstein und einer aufgeschnittenen Bierdose in meiner Küche und hoffe, dass der letzte Buckelwal elendigst daran verreckt. Das arme Tier. Und 25 Cent.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Blog von Flamingo.
Füge den Permalink zu deinen Lesezeichen hinzu.