Von der Notwendigkeit des Asis – Filmkritik „Der Spion und sein Bruder“

England hat seine Chavs, Deutschland seine Prolls. Während die einen in Jogginghosen und Fußballshirts, kombiniert mit Gangster-Rap-Klamotten vergangener Zeiten und unmöglichsten Kurz- oder viel zu langen Langhaarfrisuren ihr Unwesen treiben, stehen ihnen ihre teutonischen Gegenstücke in nichts nach. Seit gut 20 Jahren nunmehr, ist Sascha Baron Cohen im vereinigten Königreich der hauptverantwortliche Parodist für dieses Klischee von Menschenschlag. Die Guerrila- Taktik seines Welterfolgs „Borat“ wollte allerdings schon beim Nachfolger „Brüno“ nicht mehr so recht funktionieren. Einfacher Grund dafür war die explosionsartig gestiegene Bekanntheit des Comedians. Öffentlichkeit und Prominente entlarvten den zuvor nur auf der Insel und höchstens als Möchtegern-Zuhälter „Ali G.“ erkennbaren Lulatsch mit der markanten Nase nun sofort. Notwendigerweise meldet sich Cohen also bereits 2012 mit „Der Diktator“, als rein fiktiver Spielfilm ohne mockumentarische Züge, zurück, welcher aber eher lauwarm und mehr brav als bissig gerät.

Unter der Leitung von „The Transporter“-Regisseur Louis Leterrier kommt nun „Der Spion und sein Bruder“ in die weltweiten Kinos. Die Handlung ist schnell erklärt: Der englische Geisterbahn-Unterschichtler „Nobby“ Butcher findet seinen fast 30 Jahre verloren geglaubten Bruder Sebastian durch einen unglaublichen Zufall wieder. Dieser ist mittlerweile Geheimagent für den MI6 und in eine heikle Mission verstrickt, wobei die unerwartete Familienvereinigung von Anfang an für katastrophale Missverständnisse und daraus folgend eine noch heiklere Mission sorgt. Zusammen müssen der Top-Spion und sein missratener, saufender, chauvinistischer, prügelnder und tollpatschiger Bruder diese nun bewältigen.

Eine weitere Agentenfilm-Parodie, noch dazu von einem Agentenfilm-Regisseur, lässt zunächst nichts Gutes vermuten. Befürchtet man doch direkt abgegriffene James-Bond-Zitate, inklusive viel zu ernst genommener Liebesgeschichte zum höchst attraktiven weiblichen Sidekick, sowie ein dramatisches, actiongeladenes Happy End ala Hollywood-0815. Nun könnte man in einer Bestandsaufnahme all dies im Film wiederfinden. Das Cineastenherz wird gleich zu Anfang durch eine mit schwindelerregender Schnittfrequenz gestaltete Verfolgungsjagd desillusioniert. Wenn das jetzt so weiter geht und eben all das Erwartete kommt und dazu ein paar flache Slapstickepisoden, kann man den Kinosaal auch gleich wieder verlassen – denkt man sich und schmeißt gleich die erste Ibuprofen ein.

Doch es kommt anders. In den kurzen, aber zum Glück ebenso kurzweiligen 80 Minuten zündet Sascha Baron Cohen ein Gagfeuerwerk, dass in seiner Geschmacklosigkeit vielleicht zuletzt von John Waters („Pink Flamingos“) erreicht wurde. Da sich der Plot zu keiner Zeit ernst nimmt, dramaturgische Entwürfe sofort wieder ad absurdum geführt werden und der Slapstick gut getimed, wie abstrus ist, geht das Vorhaben des Nullniveaus fast zu jeder Zeit auf. Da werden Prominente mit Aids infiziert, Elefantenpenisse masturbiert, behinderte Kinder angeschossen und das ganze „Sahnetörtchen“ dann noch mit einem riesigen, dampfenden Haufen garniert.

Dass man doch keine 16 mehr ist, denkt man sich wieder und ob es denn all den Fäkalhumor braucht und wie man ihn denn am besten demontiert, denn es kann doch nicht wirklich so dermaßen lustig sein, wenn der eine Bruder dem anderen einen Giftcocktail aus den Hoden saugen muss und diese Szenerie von schockierten, halbnackten Jogginghosenträgern mit dem Handy fotografiert wird und der eine Bruder dem anderen dann in der Badewanne sagt, er hätte einen Knutschfleck auf den Eiern und dass Penélope Cruz mit einem Kleiderbügel das Klo reinigen soll und dass Liam Gallagher und Donald Trump und Daniel Radcliffe…

Alles vergebens. Letztendlich kringelt und krümmt man sich im Kinosessel vor lachen und will die meiste Zeit wegschauen, soviel Ekel und Fremdscham und schwarzen Humor bekommt man serviert. „Der Spion und sein Bruder“ ist nicht mehr oder weniger als ein Spektakel des schlechten Geschmacks und für alle Fans des pubertären Stumpfsinns höchst zu empfehlen.

Am Ende schafft es Cohen sogar noch, etwas politische Subversion zu generieren, seinen Figuren Menschlichkeit einzuhauchen und einen geradezu rührenden Appell an die Gesellschaft und das Schöne am bunten Miteinander zu richten: Welt, du brauchst deine Asis!

Leider entpuppt sich hierbei die größte Schwäche des Films, denn er ist zutiefst britisch. Viel weniger im Humor, als im unmittelbaren Bezug zur Popkultur. Wen interessiert in Deutschland ein Daniel Radcliffe? Wer kennt überhaupt noch Liam Gallagher? Und wie übersetzt man den britischen Arbeiterslang ins Deutsche, ohne ihn sächsisch, bayerisch oder ruhrpöttisch zu machen, in einer Filmwelt, die eben wieder zutiefst englisch ist? Somit ist „Der Spion und sein Bruder“ in Deutschland wohl eher ein Spaß für Anglophile, die ihn sich tunlichst in der Originalsprache gönnen sollten.

Es steht also die dringliche Frage im Raum: Wo ist eigentlich Tom Gerhardt, Magister der Philosophie?

Veröffentlicht unter Blog nachFlamingo